WMC Kerkrade – Interview mit Harrie Reumkens

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Ob im Sport oder in der Musik: Wettbewerbe und ihre Bewertungssysteme sind stets Ausdruck der jeweiligen Zeitepoche. Und sie stehen immer auch in der Kritik der Teilnehmer und der Öffentlichkeit. Gut beraten sind Veranstalter, die ihren Wettbewerb den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen und mit der Zeit gehen. Dies setzt eine Offenheit für Kritik von außen und eine selbstkritische Betrachtung des eigenen Denkens und Handelns voraus. Ein positives Beispiel für diese Offenheit findet man bei den Veranstaltern des WMC, des Weltmusikwettbewerbs in Kerkrade, der in diesem Jahr vom 6. bis 30. Juli über die Bühne geht. Unser Magazin hat mit Harrie Reumkens, dem Künstlerischen Leiter des WMC, über die Veränderungen im Wettbewerb und die Hintergründe gesprochen. Eines wird im Gespräch ganz schnell klar: Die Blasmusikszene muss sich verändern.

Manuel Epli: Herr Reumkens, Ende der 1980er Jahre wurde die Konzertabteilung beim WMC eingeführt. In diesem Jahr stehen zwei größere Änderung in dieser höchsten Wertungskategorie an. Gibt es Parallelen zwischen der damaligen Zeit und heute?

Harrie Reumkens: Es waren ähnliche Zeiten wie heute, unmittelbar nach einer ökonomischen Krise. Die Blasmusikszene befand sich damals wie heute an einem Scheideweg. Es war damals notwendig, ein neues Podium für die Blasmusik einzuführen, um sie zu stärken. Dem haben wir mit der Konzertabteilung Rechnung getragen. Heute geht es uns darum, die Akzeptanz des Wettbewerbs zu stärken und ihn für das Publikum und die teilnehmenden Orchester weiterhin attraktiv zu gestalten.

Der WMC genießt weltweit große Anerkennung und gilt als wichtiger Impulsgeber für die internationale Blasorchesterszene. Was hat Sie dazu bewogen, das Beurteilungssystem zu ändern?

Die Kernfrage kommt aus den USA, genauer gesagt von der renommierten Northwestern University. Sie lautet: Was können wir beurteilen und was nicht? Bei einer konzertanten Darbietung prallen 40 Millionen Bit an Informationen pro Sekunde auf den Zuhörer ein. Der Mensch kann allerdings nur 40 Bit davon verarbeiten. Anders formuliert: Es ist möglich, dass eine Million Menschen eine Aufführung hören und zu völlig unterschiedlichen legitimen (!) Ergebnissen kommen. Diese Frage haben wir am Nationalen Institut für Amateurmusik in den Niederlanden aufgegriffen und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir unser Beurteilungssystem verändern müssen.

Warum ist Ihnen diese Weiterentwicklung so wichtig?

Die Juroren beurteilen nicht nur die Orchester. Die Orchester beurteilen auch die Juroren. Wir möchten sicherstellen, dass jedes Orchester zu einem möglichst fairen Ergebnis kommt. Die Qualität eines Wettbewerbs drückt sich auch dadurch aus, dass die Ergebnisse möglichst nahe an der Realität sind – sofern es diese »eine« Realität überhaupt gibt.

Worin genau bestehen diese Veränderungen?

Bisher haben wir immer nach dem Top-Down-System gearbeitet. Wir haben möglichst gute Dirigenten gesucht, davon überzeugt, dass sie auch die besten Urteile abgeben. Nun haben wir uns zuerst gefragt, was es denn alles zu beurteilen gibt: In der Konzertabteilung werden nicht nur Originalwerke aufgeführt, sondern natürlich auch viele Transkriptionen. Also brauchen wir sowohl einen Experten für originale Blasmusik wie auch einen für sinfonische Werke. Wir sind sicher, dass wir mit Eugene Corporon und Douglas Bostock zwei herausragende Vertreter dieser beiden »Welten« gefunden haben. Ein Vortrag lebt natürlich auch von seinen solistischen Darbietungen. Aus diesem Grund ist mit Steven Mead ein international renommierter Solist im Jurorenteam. Die visuelle Komponente eines Vortrags ist für die Wirkung beim Publikum mitentscheidend. Musik will immer auch auf eine gewisse Art inszeniert sein, damit sie wirkt. Darum wird als vierte Jurorin eine Operndirektorin eingesetzt, Miranda van Kralingen. Das fünfköpfige Jurorenteam wird mit Jan Van der Roost als Komponist vervollständigt.

Ist dieses System in Kerkrade komplett neu?

Ein ähnliches System wird seit 1997 bereits bei den Marsch- und Show-
Wertungen eingesetzt. Hier kam es in den 1990er Jahren verstärkt zu Beschwerden der Orchester, dass die visuelle Komponente bei der Bewertung vernachlässigt werde. Daraufhin wurde das Jurorenteam um einen Juror ergänzt, der ausschließlich die visuelle Komponente bewertet.

Die zweite Änderung betrifft das Pflichtstück. In der Konzertabteilung gibt es in diesem Jahr keines mehr. Warum nicht?

Vor allem von Orchestern aus den südlichen Ländern Europas kam in jüngerer Vergangenheit immer mehr die Kritik, dass das Pflichtstück eine zu große Einschränkung bei der Programmgestaltung darstelle. Wir sind für Kritik jeder Art offen und haben uns daher entschieden, dass wir den Orchestern durch den Wegfall des Pflichtstücks eine größere Freiheit bei der Ausgestaltung der Programme gewähren möchten.

Hat die Auswahl des Programms Auswirkungen auf die Bewertung?

Ja, es geht nun noch mehr um die Gesamtdramaturgie der Aufführung. Mit welchem Programm tritt ein Orchester an? Sind die Werke sinnvoll kombiniert und folgt der Aufbau einer inneren Logik? Wird die Werkauswahl durch die Leistungsfähigkeit des Orchesters gerechtfertigt oder sind die Werke zu schwer? Wie ist der Effekt des Programms auf das Publikum? Etwas vereinfacht ausgedrückt: »Funktioniert« das, was auf der Bühne stattfindet?

Ist eine weitere Verfeinerung des Systems zielführend? Man könnte ja auf die Idee kommen, noch mehr Juroren einzusetzen…

Ja, solche Gedanken sind mir bekannt. Im Drum-Korps-Bereich beurteilen teilweise bis zu 20 Juroren die einzelnen Teile einer Show. Ich halte das für genauso fragwürdig wie das System im Bereich der Brassbands, wo das Selbstwahl- und Pflichtstück von zwei unabhängigen Juryteams gewertet wird – oftmals sogar an zwei verschiedenen Tagen. Es gilt immer das Ganze zu beurteilen und nicht einzelne Teil davon. Wenn wir ein Konzert besuchen, beurteilen wir auch alles – und nicht nur ein einzelnes Stück. Es geht um den ganzen Abend. Die Jury muss zu einem gemeinsamen, repräsentativen Urteil kommen.

Wie gehen Sie beim WMC mit regionalen Besonderheiten um?

Japanische und chinesische Orchester musizieren ganz anders als Orchester aus dem europäischen Sprachraum. Der Orchesterklang eines Orchesters aus den USA ist ein ganz anderer als der eines niederländischen oder belgischen Orchesters. Wir dürfen hier nicht den Fehler machen, dass »anders« mit »falsch« übersetzt wird. Der eigene Maßstab darf nicht zu »dem« Maßstab werden. Klingt ein österreichisches Orchester dunkel und breit, so liegt dies an der historischen Aufführungs- und Klangtradition des Landes. Die Wiener Philharmoniker klingen auch dunkel und breit. Klingen sie deshalb falsch? Sicher nicht! Im Bereich der Artikulation gibt es oftmals einen Zusammenhang zur Landessprache. Uns geht es darum, dass wir einer Spielweise und Klangkultur einen Wert zuerkennen. Und diese nicht von vornherein abwerten – nur weil sie »anders« ist.

Sie hatten eingangs darüber gesprochen, dass sich die Blasorchesterszene derzeit an einem Scheideweg befindet. Wie drückt sich das Ihrer Meinung nach außerhalb des WMC aus?

Die klassische Musikszene muss sich mehr an ihr Publikum annähern und sich neue Publikumsschichten erschließen. Die Zuhörer werden immer älter, allein die Demografie spricht eine deutliche Sprache. Ich glaube, dass wir offen und revolutionär denken müssen. Beethoven und Monteverdi waren Revolutionäre ihrer Zeit. Sie sind es, die wir in Erinnerung haben. Ihre Zeitgenossen, die entlang des Mainstreams komponierten, kennt heute kaum mehr jemand. Wir müssen uns auf den Weg machen. Wenn nichts passiert, geht es bergab, soviel ist klar. Ich bin mir sicher, dass in zehn Jahren kein Konzert mehr so sein wird wie heute.

Harrie Reumkens – Künstlerischer Leiter des WMC Kerkrade

Nach Abschluss des Gymnasiums studierte Harrie Reumkens Germanistik an der Universität Amsterdam. Während dieser Zeit war er auch Mitglied der Brass Band Amsterdam. An der Musikschule der Stadt Heerlen schloss er ein sechsstufiges Ausbildungsprogramm auf dem Eufonium ab, wobei er jeden Ausbildungsabschnitt mit Auszeichnung abschloss. Mitte der 1980er Jahre trat Harrie Reumkens regelmäßig als Gastmusiker mit der Brass Band Limburg auf. Er spielte dort Es-Tuba und war schließlich bis 1996 auch festes Mitglied des Ensembles. Zurzeit dirigiert er, als Stellvertreter von Hardy Mertens, das Fanfare-Orchester Eendracht Nieuwenhagerheide.

1987 wurde er zum Generalsekretär der Stiftung WMC Kerkrade ernannt, für die er in den Jahren 1989, 1993 und 1997 auch die künstlerische Leitung des Festivals übernahm. In dieser Zeit wurde der WMC in Kerkrade weltweit bekannt und zum bedeutendsten internationalen Blasmusikfestival. Harrie Reumkens war außerdem Mitveranstalter der sehr erfolgreichen 4. Internationalen WASBE-Konferenz in Kerkrade, welche die Stiftung im Rahmen des 11. WMC im Jahr 1989 veranstaltete. 1999 wurde Harrie Reumkens zum Künstlerischen Leiter der Stiftung WMC Kerkrade ernannt. Er leitete den 14. WMC im Jahr 2001, der damals seinen 50. Jahrestag feierte, sowie die sehr erfolgreiche 15., 16. und 17. Auflage des Festivals in den Jahren 2005, 2009 und 2013.

Im Jahr 2010 wurde die Stiftung WMC Kerkrade unter der Leitung von Harrie Reumkens bei der Konferenz der American Bandmasters Association (ABA) in Charleston, South Carolina, zum assoziierten Mitglied gekürt. Im Auftrag des WMC ist Harrie Reumkens Mitglied in zahlreichen Verbänden, darunter der ABA und WASBE. Am 28. April 2011 wurde Harrie Reumkens von Ihrer Königlichen Hohheit Königin Beatrix der Niederlande die Mitgliedschaft des Ordens Oranje Nassau verliehen. Aufgrund seiner Tätigkeit für den WMC Kerkrade beschränkt Harrie Reumkens seine Arbeit als Juror auf ein Minimum. So war er unter anderem Juror beim Deutschen Musikfest 2013 in Chemnitz und ist regelmäßig Mitglied der Prüfungskommission bei Dirigierprüfungen an verschiedenen Musikhochschulen in den Niederlanden.

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